Pioniere der Leichtbauwelt – Marcel Erich: „Digitalisierte Beschaffungsprozesse sind die Zukunft“

Pioniere der Leichtbauwelt – Marcel Erich: „Digitalisierte Beschaffungsprozesse sind die Zukunft“

Die Ingenieure des Gründerteams von InstaWerk gaben sich mit der oft zeitraubenden Suche nach dem kostengünstigsten und besten CNC-Auftragsfertiger im Produktentwicklungsprozess nicht zufrieden. Ihre Lösung: eine digitale Beschaffungsplattform. InstaWerk verbindet auf intelligente und sinnvolle Weise die Welt der Produktentwickler mit den Kompetenzen der CNC-Fertiger und beschleunigt damit die Produktentwicklung erheblich. Das Start-up stellt über eine Online-Plattform eine Preiskalkulation zur Verfügung, sorgt für schnelle Lieferung, sichert die Qualität und bietet bei Bedarf auch persönliche Beratung, erzählt Marcel Erich im Interview mit Leichtbauwelt. 

Bild oben: Marcel Erich (Quelle: InstaWerk)

Das Gründerteam (v.l.): Marcel Erich, Dr. Farbod Nezami und Dr. Jan-Philipp Fuhr (Quelle: InstaWerk)

Das zeitraubende „E-Mail-Pingpong“ bei der Suche nach einem Lieferanten für ein CNC-Bauteil führte beim Gründerteam von InstaWerk nicht zu Frust, sondern setzte Kreativität frei. Entscheidender Impuls für die Unternehmensgründung und die Idee, diesen Prozess zu digitalisieren, war genau dieses tagelange Warten auf Angebote für CNC-Frästeile. Und so ermöglicht heute die InstaWerk GmbH Ingenieuren mit einer Online-Bestellplattform für CNC-Bauteile, ihre Dreh- und Frästeile mit wenigen Klicks online zu konfigurieren und direkt zu bestellen.

Im Leichtbau sind branchen- und werkstoffübergreifende Impulse und neue Inspirationen für kreative, technologische Lösungen äußerst wertvoll. In der Serie „Pioniere der Leichtbauwelt“ kommen deshalb Gründer und Start-ups zu Wort. Hier haben sie die Möglichkeit, ihre Technologie, ihre Ideen und Visionen vorzustellen. Wenn sich dabei neue Partnerschaften über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg ergeben, so konnte Leichtbau(welt) einmal mehr eine „Win-Win“-Situation schaffen.

Leichtbauwelt: Wann wussten Sie, dass aus Ihrer Idee ein Unternehmen werden könnte? Gab es so etwas wie einen „Point of no return“?

Marcel Erich: Für uns war von Anfang an klar, dass wir ein strukturiertes Unternehmen aufbauen wollen. Dabei spielt uns in die Karten, dass wir neben den spannenden Aufgaben in der Produktentwicklung auch viel Spaß am Unternehmensaufbau selbst haben. Unser Gründerteam besteht aus erfahrenen Ingenieuren mit Stärken in der Software-Entwicklung, im Maschinenbau und im Online-Marketing. Ich bringe die betriebswirtschaftliche und strategische Perspektive mit ins Team.

Leichtbauwelt: Ihre Unternehmensgründung fiel fast mit dem Beginn der Coronakrise zusammen. War das Durchziehen im Rückblick mutig oder leichtsinnig?

Marcel Erich: Zunächst war das natürlich ein Schock, aber es zeigte sich schnell: Wenn seit Jahren bestehende Lieferantenbeziehungen wegbrechen, schlägt die Stunde digitaler Lösungen. Viele Fertiger suchten in dieser Zeit Aufträge und viele unserer Kunden fanden ihre Auftragsfertiger in Kurzarbeit und nicht lieferfähig vor. Hier konnten wir als Plattform die zwei Seiten effizient verknüpfen. Gleichzeitig wurde auf beiden Seiten auch Vertrauen und Akzeptanz für digitale Lösungen geschaffen. So gesehen war Corona zunächst eine Herausforderung, dann aber auch eine große Chance für uns. Denn durch unser Produzentennetzwerk können wir Verlässlichkeit und Liefertreue garantieren – seit der Pandemie sind das Trumpfkarten.

Leichtbauwelt: Woher kommt der Name für Ihr Unternehmen?

Marcel Erich: Der Name InstaWerk setzt sich aus „Instant“  = sofort und „Werk“ für die Fertigung zusammen. Die beiden Begriffe sollen die Geschwindigkeit und permanente Verfügbarkeit der Fertigungskapazitäten unserer Plattform betonen.

Leichtbauwelt: Was hat Ihre Unternehmensidee mit Leichtbau zu tun? Sie beschleunigen durch ein digitales Tool doch eigentlich „nur“ den Beschaffungsprozess, unabhängig vom Gewicht der Bauteile…

Marcel Erich: Das ist richtig. Aber das Design im Leichtbau stützt sich zwar auf simulativen Methoden. Ihre experimentelle Validierung jedoch spielt nach wie vor eine große Rolle. Für diesen Schritt liefern wir Prototypen, um Entwicklungszyklen zu beschleunigen. Das zeigt sich in unseren Produkten ebenso, wie bei unseren Kunden: Wir bieten einerseits einige typische metallische Leichtbauwerkstoffe, wie hochfeste Aluminiumlegierungen oder Titan in unserer Online-Konfiguration an. Andererseits dürfen wir auch einige Composite-Fertiger zu unseren Kunden zählen, die auf InstaWerk zurückgreifen, um Werkzeuge, Vorrichtungen und Lehren schnell und zuverlässig für ihre Fertigung zu beschaffen.

Leichtbauwelt: Wenn ich nun also ein CNC-Bauteil benötige, warum sollte ich InstaWerk im Beschaffungsprozess nutzen?

Marcel Erich: Das Besondere ist die Einfachheit der Bestellung über unseren Online-Kalkulator und das intelligente Bundling und Matching der Bauteile zum richtigen CNC-Fertiger. Durch unsere Matching-Algorithmen können wir so auch einen deutlichen Preisvorteil gegenüber der Direktanfrage bei Fertigern erreichen.

Leichtbauwelt: Die Online-Bestellplattform macht die CNC-Teile also günstiger im Einkauf und beschleunigt die Lieferung?

Marcel Erich: Ja. Die Onlinekalkulation reduziert die Bestellzeit von Tagen bis Wochen auf wenige Klicks.
Aber selbst das wäre nichts wert, wenn die Konditionen nicht auch stimmen würden. Aus umfangreichen Vergleichskalkulationen und dem Feedback unserer Kunden wissen wir: Unsere Konditionen sind durch Auftragsbündelung und automatisierte Prozesse im Schnitt 19,6 Prozent günstiger als bei unseren Wettbewerbern.
Die größten Einsparungen bei unseren Kunden entstehen aber durch indirekte Effekte: Wer seine Bauteile ab 24h in der Expresslieferung erhält, kann schneller entwickeln und mehr Arbeit in kürzerer Zeit bewerkstelligen.

Leichtbauwelt: Und welchen Nutzen haben die CNC-Fertiger, sich InstaWerk anzuschließen?

Auf der Bestellplattform kann direkt der Preis für ein CNC-Frästeil kalkuliert werden. (Quelle: InstaWerk)

Marcel Erich: Wer mit einem CNC-Fertiger spricht, hört oft vom gleichen Leid: Die Unternehmen verbringen viel Zeit bei der Angebotskalkulation, obwohl sie nur sehr geringe Erfolgsquoten haben. Die Kosten schlagen sich dann auf die Bauteilkosten nieder. Weil wir bei InstaWerk mehrere Angebote zu Paketen bündeln und durchkalkuliert an die Fertiger vergeben, können wir relevante Auftragsgrößen, faire Konditionen und echte Partnerschaften generieren – ohne dass die Auftragnehmer viel Zeit in die Kalkulation stecken müssen. Den so generierten Vorteil geben wir an unsere Kunden weiter. Ein klassisches Win-Win für alle Seiten durch den Netzwerkeffekt.

„Kunden profitieren von Preisvorteilen, Verlässlichkeit und kurzen Lieferfristen. Die CNC-Fertiger sparen Kosten und Zeit für die aufwändigen Angebote und das Bündeln von Aufträgen. Unser digitaler Beschaffungsprozess ist deshalb ein klassisches Win-Win für alle Seiten durch den Netzwerkeffekt.“

Leichtbauwelt: Was fasziniert Sie persönlich an Ihrem Produkt?

Marcel Erich: Besonders interessant für mich ist, dass wir mit der Preiskalkulations-Software von InstaWerk erstmals ermöglichen, komplexe individuelle Bauteile zuverlässig zu bepreisen und über digitale Vertriebswege anzubieten. Bisher war im E-Commerce nur Katalogware vorhanden. Dass unsere Drehteile und Frästeile auch kleinen Unternehmen, Startups und Forschungseinrichtungen ermöglichen, Innovationen schnell und zu attraktiven Konditionen zu entwickeln freut uns natürlich auch.

Leichtbauwelt: Planen Sie, die Bestellplattform noch zu erweitern? Über CNC-Frästeile hinaus?

Marcel Erich: Neben den verbreiteten Fertigungsverfahren des 3D-Drucks und der Blechbearbeitung faszinieren uns vor allem technisch aufwendige Verfahren wie der Werkzeug- und Formenbau. Hier sehen wir noch viel Potential durch die Digitalisierung.

Leichtbauwelt: Sicher können noch viele weitere Beschaffungsprozesse digitalisiert werden, wenn man den Netzwerkgedanken konsequent weiterdenkt. Was glauben Sie, wohin wird die weitere Entwicklung Ihres Unternehmens führen?

Marcel Erich: Wir wollen unsere Stellung als Deutschlands führende Online-Plattform für Drehteile und Frästeile weiter ausbauen und weitere Kunden von Start-Ups bis Konzerne für die Online-Bauteilbeschaffung und Digitalisierung des Einkaufs begeistern. Unsere Software entwickelt sich täglich weiter und für die eine oder andere Überraschung würde ich empfehlen, ab und zu auf unserer Website vorbeizuschauen.

Leichtbauwelt: Haben Sie dabei konkrete Beschaffungsprozesse im Auge? Spoilern Sie doch mal für uns ein bisschen…

Marcel Erich: Neben dem Erschließen neuer Fertigungsverfahren soll InstaWerk zu einer One-Stop Lösung für den Maschinenbau ausgebaut werden, welche neben Zeichnungsteilen auch weitere Module, Katalogteile und Dienstleistungen anbieten wird. In unserer Vision können ganze Maschinen mit allen Komponenten und notwendigen Dienstleistungen in wenigen Klicks bei InstaWerk bestellt werden. Aber das ist noch Zukunftsmusik und mittelfristig, wollen wir lieber in der Tiefe arbeiten, statt zu sehr in die Breite zu gehen. Den Fehler haben andere Plattformen schon vor uns gemacht.

Leichtbau ist für mich persönlich …
~… das Aufbrechen technischer Grenzen.

Die größte Herausforderung im Leichtbau ist, …
~… wirtschaftliche Lösungen zu erzeugen.

Die wichtigste Trend im Leichtbau ist aktuell…
~… gewickelte Wasserstoff-Drucktanks für verschiedene Industrien.

Leichtbau und Mobilität …
~… entscheidet sich am Ölpreis und in der Politik für E-Mobilität.

Leichtbau ist ein Schlüssel für den Klimaschutz, weil …
~… reduzierte Massen auch reduzierten Energieverbrauch bedeuten.

Das Interview für Leichtbauwelt ist mir wichtig, …
~… weil Leichtbau ein Zusammenspiel aus Effizienz, Optimierung und neuen Technologien ist – das ist bei InstaWerk auch nicht anders.

Die Informationsplattform Leichtbauwelt bietet Inspiration für Fortschritt. Sie ist ein „Place2B“, weil, …
~… es hier hervorragend aufbereitete und top-aktuelle Informationen aus der Welt des Leichtbaus zu entdecken gibt.

Leichtbauwelt: Gibt es auch Anfragen, die Sie nicht bedienen können? Wie gehen Sie damit um?

Marcel Erich: Natürlich gibt es Fertigungsanfragen, die durch spezielle Werkstoffvorgaben, notwendige Spezialmaschinen oder hohe Stückzahlen manchmal durch das Online-Kalkulationsmuster fallen. In diesen Fällen schlägt der Mensch deutlich jeden Algorithmus, daher bieten wir auch klassische Anfragen über E-Mail an und unser Engineeringteam sucht dann gemeinsam mit dem Kunden nach der besten Lösung.

Leichtbauwelt: An welchen Hindernissen sind Sie in den ersten Gründungsjahren gewachsen?

Marcel Erich: Von großen Herausforderungen abseits der Softwareentwicklung sind wir bisher erfreulicherweise verschont geblieben. Ich denke eher, dass wir gelernt haben, dass man nichts erzwingen kann und man sich am besten auf die Dinge konzentrieren sollte, die man direkt beeinflussen kann.

„Viele jüngere Ingenieure sind begeistert von den Möglichkeiten der digitalisierten Bestellung von CNC-Teilen, scheitern aber an alten Denkmustern.“

Leichtbauwelt: Welche Tipps würden Sie angehenden GründerInnen geben wollen?

Marcel Erich: Wir haben gelernt, nicht zu viel zu wollen. Deshalb rate ich:

  • Verliert Euch nicht zu sehr in der Planung und investiert die Zeit besser in die Umsetzung.
  • Habt Geduld. Gerade im B2B-Geschäft mahlen die Mühlen langsam.
  • Fokussiert Euch immer wieder auf die Kernidee Eures Vorhabens. Kreative Geschäftsentwicklung ist wichtig, jedoch sollten die knappen Ressourcen, die einem zu Beginn zur Verfügung stehen, konzentriert eingesetzt werden.

Leichtbauwelt: Welche Leichtbau-Innovation, welches Projekt oder Forschungsergebnis hat Sie in der letzten Zeit besonders fasziniert?

Marcel Erich: Das rekonfigurierbare Formwerkzeug von Cikoni hat mich in den letzten Monaten besonders fasziniert. Diese Lösung vereint dabei dieselben Vorteile wie die Bauteilbeschaffung bei InstaWerk: Geschwindigkeit in der Entwicklung und die kostengünstige Bauteilfertigung. Durch Dynapixel werden in wenigen Minuten Formen für die Composite-Umformung erstellt. Die hohen Kosten und die Fertigungszeit des Formenbaus entfallen. Das Werkzeug entsteht dabei durch die Zustellung eines Pin-Felds direkt aus den CAD-Daten. Mit dieser Technologie wird das Arbeiten mit Faserverbundkunststoffen deutlich flexibler. Wichtig ist, dass gerade für den Prototypenbau und bei Entwicklungsprojekten die Formkosten entfallen.

In einem Video zeigt InstaWerk den Bestellprozess in 38 Sekunden

Leichtbauwelt: Da Sie die Composites ansprechen: Sehen Sie eine Konkurrenz der Werkstoffklassen um das beste Leichtbaumaterial?

Marcel Erich: Natürlich gibt es eine Konkurrenz der Werkstoffe. Die Auswahl geeigneter Werkstoffe für eine spezielle Anwendung ist eine Kernaufgabe der Ingenieure. Ich sehe aber eher den Trend zu hybriden Konstruktionen, bei denen verschiedene Werkstoffe im Verbund eingesetzt werden. Das sehen wir auch in vielen Projekten bei InstaWerk, bei denen von Kunden zum Beispiel Aluminium-, Titan- und PEEK-Komponenten gemeinsam bestellt und erprobt werden.

Leichtbauwelt: Gibt es für Sie noch besondere Herausforderungen, denen Sie in Ihrem „Leichtbau-Alltag“ begegnen?

Marcel Erich: Aber sicher. Der Leichtbau muss kosteneffizienter werden. Gerade wenn die Bauteilgeometrie durch Lastpfadoptimierung (bionisch) optimiert wird, entsteht schnell eine hohe Komplexität. Dadurch werden die Bauteile schnell teuer. Unser Online-Kalkulator kann dabei helfen, bereits in der Entwicklungsphase die Kosten des späteren Bauteils abzuschätzen und eventuell Anpassungen zu treffen, um die Konstruktion wieder kostengünstiger zu gestalten.

Leichtbauwelt: Lassen Sie uns ein bisschen träumen: Wenn Sie einen Wunsch für den Leichtbau oder Ihr Unternehmen frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Marcel Erich: Wir arbeiten mit einer großen Zahl an Composite-Unternehmen zusammen. Hier hat sich das Angebot von InstaWerk schnell rumgesprochen und ich habe in den letzten Monaten viele spannende Entwicklungen im Bereich des Faserverbundleichtbaus gesehen. Diese Strukturen sind phänomenal in ihrer Leistungsfähigkeit, scheitern nach der Entwicklung aber noch häufig an den Kosten. Eine kostengünstige Kohlefaser auf natürlicher Basis wäre ein Traum, denn so kommt der Leichtbau mit Faserverbundwerkstoffen auch in Produkten an.

Für InstaWerk würde ich mich wünschen, dass jungen Menschen in Unternehmen mehr Vertrauen und Entscheidungsspielraum zugesprochen wird. Viele jüngere Ingenieure sind begeistert von den Möglichkeiten der digitalisierten Bestellung von CNC-Teilen, scheitern aber an alten Denkmustern und Vorbehalten ihrer Führungskräfte – auch zum Schaden des Unternehmens.


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