Vor welchen praktischen Herausforderungen steht „der Leichtbau“ ? Welche konkreten Aufgaben stellen sich in den unterschiedlichen Branchen? Was muss entwickelt, erprobt und getestet werden? Können die Branchen untereinander und voneinander lernen?
Antworten könnte das EU-Projekt Rightweight liefern. In einer ersten Phase waren Unternehmen aufgefordert, ihre derzeitigen bisher noch ungelösten Aufgabenstellungen im Leichtbau zu beschreiben. Ab sofort können sich kleine und mittlere Unternehmen für diese Herausforderungen bewerben. Den besten Lösungsansätzen winken Förderbeiträge der EU bis TRL 7. Zu den Rightweight-Herausforderern gehören verschiedene OEMs und Tier-1-Lieferanten aus der Automobil- und Luftfahrtbranche, die alle auf der Suche nach Kooperationspartnern und Know-how sind.
Die 25 Aufgabenstellungen wurden auf einer virtuellen Präsentation der NMWP und des KIT am Dienstag präsentiert. Im Folgenden ein kurzer Überblick über 23 davon. Alle bisherigen Themen finden sich aktuell auf der Webseite des EU-Projekts. Ein Video der Präsentation steht bei youtube online.
Neue Herausforderungen sind jederzeit willkommen und können für die zweite Runde eingereicht werden, so die Veranstalter der Präsentation.
Leichtbau-Projekte aus den Branchen Automobil, Luftfahrt und landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge
Über alle Herausforderungen hinweg lassen sich thematische Cluster bilden. Die Links führen direkt zu den ausführlichen Projektbeschreibungen. Hier findet sich in jeder „Challenge“ auch ein Button für die Kontaktaufnahme und zum Vorstellen einer Idee für diese Herausforderung.
Werkstoffe und Materialentwicklung
Herausforderung
Schlüsselbegriffe
Aufgabenstellung / Ziele
Kontakt
Automobiler Leichtbau mit Strukturbauteilen aus Biocomposites
Biobasierte Materialien, Langzeiteigenschaften, stabile und gesicherte Beschaffung, End-of-Life, Strukturbauteile
kostengünstige Biomaterialien für Strukturbauteile, Anteil am Bauteil >50%.
Zuverlässige Lieferkette für die erneuerbaren Materialien.
Mechanische Langzeiteigenschaften sollen denen anderer Bauteile gleichen. Zeithorizont 10 Jahre.
Material- und Technologieentwicklung für kryogene Tanks
Permeabilität der Verbundwerkstoffe, linerlose Konstruktion, automatisierte Prozesse, Kryotanks
Vergleich der Fertigungstechnologien für die automatisierte Tankproduktion: Kompromiss zwischen Kosten, Leichtbau und Leistung.
Entwicklung einer bahnbrechenden Technologie für kryogene Tankanwendungen / Lösung der Permeabilitätsproblematik von Verbundwerkstoffen mit dem Ziel einer linerlosen Konstruktion.
Demonstration der Material- und Technologiereife an Prototypen in kleinem Maßstab.
Viele landwirtschaftliche Maschinen haben einen großen (2,5 m x 1,5 m) Leitapparat , über den das Erntegut geführt wird. Dieser ist aus heute aus Stahl.
Gesucht wird eine leichte Alternative.
Eine besondere Anforderung an diese Platte ist die abrasive Belastung durch darüber gleitende Pflanzen.
Nachhaltige Biocomposites für den Flugzeuginnenraum
Biobasierte Werkstoffe, Mechanische Eigenschaften, Brandschutzeigenschaften, Rauchbildung, Toxizität und Wärmefreisetzung (FSTHR-Properties)
Gesucht werden geeignete biobasierte Werkstoffe: Fasern und/oder Matrix und/oder Kern.
Der geringere ökologische Fußabdruck soll basierend auf einer Lebenszyklusanalyse (LCA) nachgewiesen werden, die sich auf die Werkstoffherstellung, die Teileproduktion und die Wiederverwertbarkeit konzentriert.
Die mechanische Leistungen sollen dem Status quo mindestens entsprechen.
Feuer, Rauch, Toxizität, Wärmefreisetzung: Auch die Biomaterialien müssen die Anforderungen an die Innenausstattung der Kabine erfüllen.
Leichte Hochleistungswerkstoffe für Flugzeugzelle und -fenster
Monolithische oder mehrschichtige thermoplastische Verbundwerkstoffe, Anforderungen an Flugzeugstrukur und Crash, Fenster mit elektromagnetischen Eigenschaften
Entwicklung leichter und hochleistungsfähiger Materialien und Strukturen, die die Flugzeugzelle verbessern. Das können zum Beispiel monolithische oder mehrschichtige thermoplastische Verbundwerkstoffe sein.
Gesucht wird Fachwissen sowohl im Bereich der Verbundwerkstoffe als auch der metallischen 3D-Drucktechnologie.
Virtuelle Optimierung der Lagen bei Faserverbundwerkstoffen: Richtung und Dicke der Lagen in Abhängigkeit von der mechanischen Belastung
Methoden der Optimierung, Faserausrichtung, landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge
Der Hersteller von Landmaschinen ist auf der Suche nach Know-how im Umgang mit Composites, da bisher nur Erfahrungen mit metallischen Werkstoffen vorhanden sind, aber zwecks Leichtbau vermehrt Verbundwerkstoffe eingesetzt werden sollen.
Dabei sollen die Verbundwerkstoffplatten durch Faserorientierung und Lay-up-Design optimiert werden.
Gewucht wird deshalb eine virtuelle Optimierungsmethodik, die das F&E-Team des Herstellers bei der Entwicklung und Konstruktion von Bauteilen aus Organosheets unterstützt.
Ein konkreter Anwendungsfall ist eine notwendige Verbindung zwischen einem Metallstab und einer Verbundwerkstoffplatte.
Topologieoptimierung zum strategischen Ausschneiden von Material aus Blechen
FEA, geformte Bleche, Methode zur Topologieoptimierung
In landwirtschaftlichen Fahrzeugen werden häufig geformte Bleche verwendet. In Simulationspaketen (FEA) werden sie meist als Schalenelemente dargestellt.
Gesucht ist eine Topologie-basierte Schalenelement-Optimierung, mit deren Hilfe sich Bereiche identifizieren, die sicher aus den Blechen entfernt/ausgeschnitten werden können, um zusätzliches Gewicht zu sparen.
Topologie- und Multisystemoptimierung für gelegentliche Lastspitzen
Untersuchung der Topologieoptimierung von Mehrkomponenten-Baugruppen, Leistung und Gewicht, Simulation von Lastspitzen
Skalierung der Topologieoptimierung auf größere Mehrkomponenten-Baugruppen, um Leistung und Gewicht der landwirtschaftlichen Fahrzeuge simulativ weiter optimieren zu können.
In der Landwirtschaft kommt es häufig zu Lastspitzen. Gesucht wird eine Simulationsmethode, die diese Lastspitzen in einer normalen Basis- oder Sinuswellenbelastung der Teile berücksichtigen kann.
Bauraumoptimierung – Reduzieren von Verbindungspunkten in großen Baugruppen
FEA Optimierungsmethode;
Größe, Anzahl und Position der Verbindungspunkte, Leichtbau
Gesucht wird eine Simulationsmethode, die die Anzahl und Position einzelner Verbindungspunkte des Bauteils optimieren kann, die also über den eigentlichen Entwurfsraum hinausgeht.
Durch die intelligente Positionierung und Auswahl der richtigen Verbindungsstellen soll noch mehr Gewicht eingespart werden.
Derzeitige Ideen zur Verbesserung der funktionellen Eigenschaften von Verbundwerkstoffen befinden sich alle noch auf einem niedrigen TRL-Niveau und scheinen sowohl kostspielig als auch teuer in der Herstellung zu sein.
Aufgabe: Bewerten und auswählen einer oder mehrerer Technologien oder Produkte, um Verbundwerkstoffen funktionelle verbesserte Eigenschaften zu verleihen, die einen positiven Business Case haben.
Hochleistungs-Leichtbauwerkstoffe für Aerostrukturen
Metall 3D-Druck, Flugzeugstrukturen, Topologieoptimierung
In diesem Projekt geht es um das innovative Konzept und die Entwicklung von Materialien und Strukturen, die die Leistung und die Einhaltung der Anforderungen an eine Flugzeugzelle verbessern.
Möglich sind topologisch optimierte, 3D-gedruckte Lattice-Strukturen aus Metall
Interesse an Kooperation zur Technologiepartnerschaft und Entwicklung eines Demonstrators
schnellere und billigere Herstellungsmethode für doppelt gekrümmte Platten mit Versteifungen Thermoplastische Composites
In diesem Projekt geht es konkret um Organobleche mit doppelter Krümmung. Sie bestehen aus Carbongewebe/PEKK, sind 2000 x 2000 mm groß, besitzen Versteifungen in Längs- und Querrichtung und werden bisher im Vakuum verfestigt. Verbunden ist das mit langen Zykluszeiten und hohen Kosten.
Entwicklung eines kostengünstigen Herstellungsverfahrens für diese Bauteile – ohne Vakuum. Schätzung der Zykluszeit
Bestimmung der Herstellkosten für 5000 Teile / Jahr
Reparaturverfahren für Verbundwerkstoffe, Schadensbeurteilungswerkzeug mit NDT, Luftfahrtspezifikationen
Das Hauptziel dieser Herausforderung ist die Vorstellung und Validierung einer Reparaturmethode für Composites bei einem Tier-1-Luftfahrtzulieferer, die die Anforderungen an dessen Werkstoffe und Luft- und Raumfahrtteile erfüllt.
Verbesserte Recyclingfähigkeit und Kohlenstoffbilanz von thermoplastischen extrudierten und pultrudierten Innenräumen von Bussen
geringer CO2-Footprint, Wiederverwertbarkeit
Die Dachkanäle in Bussen verlaufen über die gesamte Länge und bestehen aus durchgehenden 2D-Profilen (Ex- oder Pultrusion) und 3D-geformten Luken.
Die Herausforderung besteht darin, leichte, kosteneffiziente Teile mit geringem CO2-Footprint in ausreichenden Mengen herzustellen. Ungefähre Stückzahlen für 2D-Profile 75-100 km pro Jahr, 3D-Luken 75.000 bis 100.000 Teile pro Jahr.
Bewertung des Designs (Material, mechanische Eigenschaften, Kosten, Platzbedarf, Lieferkette) von Material- und Prozessoptionen.
Machbarkeitsdemonstration / Kleinserienproduktion zur Verifizierung
Das von der EU geförderte Projekt „Rightweight“ will kleine und mittlere Unternehmen (KMU) dabei zu unterstützen, erschwingliche und umweltfreundliche Innovationen für den Leichtbau zu entwickeln. Doch das soll nicht ohne konkrete Herausforderung vonstatten gehen. Insgesamt 25 „Challenges“ haben die Projektpartner gesammelt, auf die sich KMU nun bewerben können. Den besten 20 Bewerbern winken 45.000 € in Form von Dienstleistungen der angeschlossenen Fieldlabs:
Diese begleiten die gesamte Projekt- und Produktentwicklung bis hin zur Marktreife (TRL7). Anschließend wird die Markteinführung begleitet sowie ein Strategie- und Investitionsplan aufgestellt. Weitere 30 KMUs erhalten Servicegutscheine in Höhe von 6.500 €, um ebenfalls die Expertise der Fieldlabs nutzen zu können. Sie erhalten Unterstützung zur Verbesserung des TR-Levels für ihre Idee und einen Plan, um letztlich ebenfalls die Marktreife zu erlangen.
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der NMWP
Christine Koblmiller
Autor: Christine Koblmiller, Redakteurin, Gründerin, Fachjournalistin aus Leidenschaft, überzeugter Leichtbau-Fan.
Mit dem Metamagazin Leichtbauwelt.de habe ich 2018 den Schritt in die Selbständigkeit gewagt und mit Leichtbauwelt ein neues Medienformat im B2B-Umfeld geschaffen. Seit etwa 25 Jahren bin ich Redakteurin für technische B2B-Fachzeitschriften. Für verschiedene führende Fachmagazine habe ich als eBusiness-Projektmanager Industrie schon 2001 crossmediale Angebote eingeführt, denn die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat Einfluss auf unser Informationsverhalten. Deshalb bin ich mir sicher, dass sich die Medienbranche wandeln muss. Mehr über mich finden Sie unter Conkomm, auf Xing oder LinkedIn.
„Leichtbau fasziniert und begeistert Techniker. Er ist für die Herausforderungen der Zukunft unabdingbar. Deshalb bin ich sicher, dass der Markt für ein Angebot wie Leichtbauwelt.de reif ist.“