Pioniere der Leichtbauwelt – Nils Freyberg: „Klimaschutz muss Spaß machen.“

Pioniere der Leichtbauwelt – Nils Freyberg: „Klimaschutz muss Spaß machen.“

In der noch vergleichsweise jungen Technologie Leichtbau geht es oft darum, branchen- und werkstoffübergreifend Impulse zu vermitteln und Trends zu setzen. In der Serie „Pioniere der Leichtbauwelt“ kommen deshalb Gründer und Start-ups zu Wort. Hier haben sie die Möglichkeit, ihre Technologie, ihre Ideen und Visionen vorzustellen. Und wenn sich dabei neue Partnerschaften über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg ergeben, so hat Leichtbau(welt) einmal mehr eine „Win-Win“-Situation geschaffen.

Den Auftakt macht Nils Freyberg, der mit seinem Unternehmen Cropfiber und der Marke Asphaltkind gerade unter die Top10 eines Wettbewerbs des Landes in Nordrhein-Westfalen für junge Unternehmen aus der Umweltwirtschaft gewählt wurde. Er entwickelt neuartige Leichtbau-Produkte für die Automobil- und Transportbranche aus nachwachsenden und ressourcenschonenden Rohstoffen. Die Marke Asphaltkind steht dabei für das erste Produkt, das das Unternehmen Technologie- und Werkstoffträger nutzt: eine Dachbox für Sportwagen und Elektroautos, die als Kleinserie im B2C-Markt Fuss fassen soll.

Leichtbauwelt: Herr Freyberg, welche Bedeutung hat der Leichtbau für Sie persönlich?

Nils Freyberg: Dank Leichtbau benötigt man weniger Energie, um ein Bauteil zu bewegen. Das spart Ressourcen. Mit meinem Unternehmen Cropfiber (zu deutsch „Erntefasern“) denken wir aber noch einen Schritt weiter: Leicht spart Energie. Leicht und CO2-neutral spart Energie und entschleunigt den Klimawandel. Wir bringen deshalb den CO2-neutralen Faserverbund nach vorne.


Leichtbau ist für mich persönlich
~ … der beste Weg, um den Klimawandel zu entschleunigen, ohne Kompromisse machen zu müssen.

Die größte Herausforderung im Leichtbau ist …
~ … die kostenintensive Fertigung im Bereich Faserverbund.

Leichtbau und Mobilität werden in Zukunft …
~ … ein wichtiges Thema im Zusammenspiel sein.

Leichtbau ist eine Schlüsseltechnologie für den Klimaschutz, weil …
~ … „leicht spart Energie“ und damit wird CO2 eingespart.

Das Interview für Leichtbauwelt ist mir wichtig, weil …
~ … es in vielen Bereichen Aufklärungsbedarf gibt und wir als Start-up diese Kanäle gerne nutzen.

Die Informationsplattform-Leichtbauwelt ist der „Place2B“ im Leichtbau, weil …
~ … branchen- und materialübergreifend Know-how geteilt wird.


Die Dachbox „Asphaltkind“ ist ein Kleinserien-Produkt für den B2C-Markt und zugleich Werkstoff- und Technologieträger. Im Bild das Team hinter Cropfiber – von links: Nils Freyberg, Tiado Pieperhoff und Marvin Miele (Quelle: Cropfiber)

Leichtbauwelt: Was ist Ihre Vision mit und für Cropfiber?

Nils Freyberg: Der Hightech-Werkstoff CFK (Carbon) hat zwar perfekte Eigenschaften, lässt sich aber aktuell nur mit hohem CO2-Footprint produzieren beziehungsweise recyceln. Deshalb gehen wir mit unserem Unternehmen Cropfiber den „Kohlefaserausstieg made in Ruhrpott“ an, um Kohlenstofffasern durch nachwachsende Rohstoffe, wie zum Beispiel Flachs, zu ersetzen.
Um diesen Naturfaser-Werkstoff vom Labor auf die Straße zu bringen, haben wir unter der Marke Asphaltkind eine reichweitenoptimierte Dachbox entwickelt. Mit ihr als Technologieträger stellen wir die Gleichwertigkeit unserer nachhaltigen Werkstoffe bezogen auf Stabilität und Gewicht unter Beweis. Das Know-how aus der Box-Konstruktion werden wir künftig im Auftrag auch für neue Anwendugen aus den Branchen Automotive, Fahrrad, Windkraft oder Transport nutzen.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass Leichtbau – vor allem CO2-neutraler Leichtbau – eine sehr gute Zukunft vor sich hat, um den Klimawandel zu entschleunigen.“

Wir sind der Überzeugung, dass Ingenieure die Welt retten. Hierbei immer mit dem Fokus, dass keine Kompromisse gemacht werden müssen. Denn wo Rückschritte gemacht werden, gibt es keine langfristige (Kunden-)Akzeptanz. Siehe Elektroautos, welche sich nur schwer durchsetzen, da das Laden einen Bereich bildet, für den man die gewohnte Komfortzone verlassen muss. Oftmals ist es nur der Gedanke „was, wenn…“ der Fortschritt blockiert.

Leichtbauwelt: Gibt es dafür schon Interessenten oder Partner?

Nils Freyberg: Aktuell laufen zwei Projekte mit je einem Hersteller für Nutzfahrzeuge und einem Hersteller für Windkraftanlagen, in denen wir die aktuell im Einsatz befindlichen Bauteile aus Glas- und Kohlefaser durch Naturfaser-Werkstoffe CO2-neutraler machen.

Leichtbauwelt: Warum ist Ihnen die Nachhaltigkeit des Werkstoffs so wichtig?

Nils Freyberg: Ich stellte mir eines Tages die Frage, wieso die Klimabewegung, die in den Medien an Aufmerksamkeit gewonnen hat, trotzdem nicht so recht funktionieren will. Meiner Ansicht nach wird zu sehr Verzicht gefordert. Verzicht auf das Auto, Motorrad, Flugzeug. Man könnte sagen auf „alles was Spaß bringt“. Zudem stellte ich fest, dass für den Klimaschutz am häufigsten auf den Antrieb, den Energieverbrauch geschaut wird. Wichtig ist aber schon das Ausgangsmaterial, aus dem Auto, Flugzeug, Zug, Bus, Fahrrad oder auch die Windkraftanlage hergestellt wird. Schon hier können wir bei gleichem oder geringerem Gewicht und zu gleich oder geringeren Kosten CO2 einsparen.

„Klimaschutz muss Spaß machen, wenn man die Mehrheit der Menschen dafür begeistern will.“

Leichtbauwelt: Gab es spannende Herausforderungen in der Produktentwicklung? Was haben Sie Ihren Fehlern lernen dürfen?

Nils Freyberg: Vor etwa drei Jahren wurde ich stolzer Besitzer eines Porsche 911 an. Zwei Wochen danach stellte meine Freundin das Auto direkt in Frage: „Was machen wir eigentlich mit dem Auto, wenn wir Eltern werden? Das muss dann ja wieder weg!“. Es musste also eine Lösung her. Ich dachte, es könne ja nicht so schwer sein, eine Dachbox zu entwickeln. Deshalb machte ich mich mit einem erfahrenen Automobildesigner an die Arbeit.
Die größte Herausforderung und dabei auch ein gefühlter Misserfolg dabei war der Schritt vom digitalen Prototypen zum realen Bauteil. In der Theorie klappt alles. In der Praxis dann eher weniger. Der Grund dafür war tatsächlich der Werkstoff: Doch wir wollten nicht nur ein neues Produkt entwickeln, sondern auch gleichzeitig den neuen Werkstoff anhand der Box auf den B2C-Markt bringen. Wir lernten aus den Fehlern – und bei den nächsten Entwicklungsschritten ging dann alles gut.

„Die Herausforderungen und Misserfolge durch Fehler in der Produktentwicklung ließen uns stärker werden. Die Lehren daraus bilden heute unsere Kernkompetenz: Bauteilentwicklung mit neuartigen CO2-neutralen Faserwerkstoffen im Exterieur-Bereich.“

Die Dachbox mit dem Namen Asphaltkind besteht aus naturfaserverstärktem Kunststoff, der im Autoklav-Verfahren geformt wird. (Quelle: Cropfiber)

Leichtbauwelt: Was ist die technologisch interessanteste Komponente der Dachbox?

Nils Freyberg: Neben dem Werkstoff bietet die Box eine Vielzahl an Neuerungen und Highlights. Ziel war eine Dachbox zu entwickeln, die als 2. Kofferraum dienen kann und dabei bezogen auf die Kriterien Aerodynamik, Stabilität, Gewicht und Design eine Benchmark setzt. Das haben wir geschafft, indem wir durch die optisch ansprechende Tropfenform einen cw-Wert von 0,11 erreichen, mit Faserverbund Gewicht sparen und Stabilität erzeugen und zu guter Letzt mit einem elektrischen Schließsystem eine Box auf den Markt bringen, die im Alltag komfortabel genutzt werden kann.

Leichtbauwelt: Wo sehen Sie Ihr Unternehmen mittelfristig?

Nils Freyberg: Für uns steht das Material, der nachhaltige Faserverbund, sowie Konstruktion, Simulation und Fertigung im Mittelpunkt. Die Dachbox wird es in einer Kleinserie geben. Das Material aber sollte auch in der Großserie funktionieren und weder Qualitäts- oder sonstige Einbußen im Bereich Gewicht und Stabilität haben.

Leichtbauwelt: Sehen Sie eine Konkurrenz der Werkstoffklassen um das beste, das nachhaltigste Leichtbau-Material?

Nils Freyberg: Jeder Werkstoff hat seine Daseinsberechtigung. Auch CFK, denn es wird immer Bereiche geben, wo Carbon die bessere Alternative ist. Der Vorteil der Metalle ist die mögliche kurze Taktzeit bei der Verarbeitung und das Recycling. Gewichtstechnisch gibt es aber Nachteile. Demnach sehe ich die Zukunft definitiv im Verbund verschiedener Werkstoffe, um das Beste aus den Werkstoffen herauszuholen.

Leichtbauwelt: Welchen Herausforderungen begegnen Sie in Ihrem Leichtbau-Alltag und in Gesprächen mit möglichen Partnern?

Nils Freyberg: Es wird oftmals die „perfekte“ Lösung gesucht. Sobald wir unsere naturfaserverstärkte Composites vorstellen, dreht sich das Gespräch schnell um Epoxidharz. Doch dieses hat bei uns aktuell einen etwa hälftigen Bio-Anteil. Demnach ist auch ein heutiges Naturfaser-Bauteil nicht zu 100 Prozent nachhaltig. Aber genau hier sollte man für neue und weitere Entwicklungen ansetzen.
Einer ähnlichen Denkweise begegne ich im Bereich Qualität: Natürlich ist der Werkstoff nicht homogen und reagiert dazu noch mit Sonne und Feuchtigkeit. Doch ich verstehe dies als Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt. Leider wird häufig und kurzfristig auf simplere Lösungen zurückgegriffen. Mit Cropfiber gehen wir aber den ganzen, den „steinigeren“ Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Leichtbauwelt: Warum scheuen Ihrer Ansicht nach viele Unternehmen den Einstieg in neue Leichtbau-Technologien?

Nils Freyberg: Besonders im Faserverbund-Bereich bedeutet Leichtbau aktuell hohe Kosten durch lange Zyklus-Zeiten und einen viel Handarbeit. Hier sucht die Branchen nach effizienten Lösungen. Allerdings fehlt es häufig auch am „weitsichtigen“ Denken der Anwender. Ein Bauteil mag zwar in der Herstellung teuerer sein, spart aber im Laufe seiner Nutzung Energie – und damit wiederum Kosten ein.

 


» Mehr Infos zum Unternehmen im Firmenland: Cropfiber


Kontakt zu Nils Freyberg:

Firmenland

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