Leichtbau auf den Punkt: In Hannover zeigt sich Leichtbau vor allem dort als industrieller Hebel, wo Werkstoffe, Strukturverhalten und Prozesskette zusammenwirken, um Materialeinsatz zu senken, Systeme zu stabilisieren und die Umsetzung in die Anwendung zu beschleunigen.


Weniger Material, mehr Wirkung: Auf der Hannover Messe 2026 von 20. bis 24. April lohnt sich der Blick auf einen Leichtbau als Bestandteil industrieller Lösungen. Ein systemischer Hebel wird aus Leichtbau immer dann, wenn ein Bauteil nicht nur leichter, sondern zugleich funktionaler, effizienter, besser dämpfend, recyclinggerechter oder mehr wird. Den genau da liegt der eigentliche Nutzwert des Leichtbau – neben Energie- und Materialeffizienz: Weniger Masse führt zu weiterer Optimierung von Prozessfähigkeit, Lebensdauer und damit Nachhaltigkeit oder gar verbessertem Systemverhalten. Viele Beispiele für diese Zusammenhänge lassen sich auf der Messen finden. Es ist ein bisschen wie das Suchen nach Ostereiern, macht aber ebenso viel Spaß! Ein paar Tipps, wo die besten Eier zu finden sind, haben wir hier zusammengestellt. 

Ein Leichtbau-Highlight ist traditionell der Messedienstag: Am 21. April 2026 in Halle 19/20, setzt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – die Initiative Leichtbau – mit dem 7. Lightweighting Summit den inhaltlichen und wirtschaftlich-politischen Rahmen. Die Bedeutung des Leichtbaus unterstreichen in ihrer Begrüßung Katherina Reiche, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, sowie Dr. Jochen Köckler, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Messe AG. Im Mittelpunkt des sicher wieder interessanten Events stehen innovative und effiziente Leichtbaulösungen, spannende Keynotes – sagt Ihnen „Rocket-Science“ etwas? – Technologietransfer sowie nachhaltige Lösungen. Die TeilnehmerInnen eines gut und hochkarätig besetzten Panels diskutieren über die Frage: Ist Leichtbau ein Multitool für grüne Effizienz und neue Resilienz.

Leichtbau ist mehr als reine Gewichtsdiät

Leichtbau ist mehr als eine abgegrenzte Werkstoff- oder Produktwelt, er ist eine Querschnittsaufgabe entlang der Prozesskette. Wer seinen Messebesuch aus Leichtbau-Sicht plant, sollte deshalb nicht nur nach leichten Bauteilen suchen. Um einiges spannender sind die Stationen, an denen sich konkrete technische Fragen beantworten lassen: Wie lässt sich Materialeinsatz reduzieren, ohne an Steifigkeit, Dämpfung oder Lebensdauer einzubüßen? Wie werden biobasierte oder naturfaserverstärkte Strukturen prozessfähig? Wie lassen sich leichte Konzepte in Prototypen, Bearbeitung und Fügetechnik so umsetzen, dass daraus industrielle Lösungen werden? Wir zeigen Ihnen im Folgenden mehrere lohnende Beispiele.

Leichtbau beginnt im Materialkonzept: Werkstoffe, Halbzeuge und Oberflächen

Ein guter Startpunkt ist der Lightweight Construction Pavilion in Halle 17, Stand G41, wo sich dazu Exponate aus Werkstofftechnik, Strukturentwicklung und Fertigung bündeln. Wobei auch bei Werkstoffe und Halbzeugen Gewichtsvorteile nicht nur isoliert zu betrachten sind. Vielmehr verbinden gerade Halbzeuge Konstruktions- und Fertigungslogik.

Composite Textiles für belastbare Leichtbauteile – zu finden in Halle 17 G41/8 (Quelle: vombaur)

Das Unternehmen vombaur (Halle 17 Stand G41) beispielsweise zeigt mit seinen Composite Textiles nahtlos gewebte textile Strukturen aus Hochleistungsfasern. Interessant ist dabei nicht nur die geringere Masse des späteren Bauteils, sondern vor allem die Möglichkeit, Faserarchitektur und Bauteilfunktion enger zusammenzuführen. Wo Lastpfade gezielt abgebildet werden sollen, gewinnt die textile Vorform selbst an Bedeutung. Leichtbau beginnt hier bereits in der Struktur des Halbzeugs.

Ein weiterer interessanter Baustein ist die Oberflächentechnik. Eloxalwerk Ludwigsburg (Halle 17 Stand G41) zeigt im Lightweight Construction Pavilion eine keramische Oberfläche für additiv gefertigte Magnesium-Bauteile. Magnesium bietet ein enormes Potenzial für Leichtbau, additiv gefertigte Strukturen können darüber hinaus weitere Gewichtsreduzierungen erreichen. Aber wegen ihrer korrosionsempfindlichen Oberflächen müssen solche Bauteile geschützt werden. Der gezeigte Ansatz adressiert damit nicht nur den Werkstoff selbst, sondern die Frage, wie sich komplexe, additiv erzeugte Magnesiumgeometrien überhaupt belastbar in die Anwendung überführen lassen. Leichtbau entsteht hier also nicht allein durch den Werkstoff, sondern ebenso durch die passende Oberflächenlösung.

Expandiertes Polypropylen (EPP) gehört zu den Fliegengewichten unter den Polymerschäumen. (Quelle: Particle Foam Association)

Schaumwerkstoffe sind Leichtbau per se. Allerdings steht beispielsweise expandiertes Polypropylen, EPP, nicht unbedingt für klassische Hochleistungsstrukturen. Und doch ist es für viele industrielle Anwendungen relevant. Der Werkstoff – zu sehen bei der Particle Foam Associaton (Halle 17 Stand G41) – besitzt eine sehr geringen Dichte und verbindet niedriges Gewicht mit Eigenschaften wie Isolation, Energieaufnahme und Designfreiheit. Hinzu kommt der Aspekt Sortenreinheit: Wenn sich EPP mit PP-Folien und PP-Spritzgussteilen kombinieren lässt, wird Leichtbau auch unter dem Gesichtspunkt „Design for Recycling“ interessant. Für Bauteile, bei denen Schutzfunktion, thermische Eigenschaften und geringer Materialeinsatz zusammenkommen müssen, kann das eine Konzeptidee sein.

Biobasierte und naturfaserverstärkte Lösungen

Im Projekt Bio-Schaum-NFK werden in Zusammenarbeit verschiedener Partner mit der Hochschule Merseburg neuartige, nachhaltige Leichtbaukomponenten auf Basis biobasierter und naturfaserverstärkter Kunststoff-Sandwich-Verbundwerkstoffe für den Einsatz in urbanen Elektrofahrzeugen entwickelt. (Quelle: HS Merseburg)

Ähnliches gilt für biobasierte und naturfaserverstärkte Ansätze. Die Hochschule Merseburg (Halle 11, Stand B48) zeigt mit dem Projekt Bio-Schaum-NFK einen Weg zu Sandwichstrukturen für urbane Elektrofahrzeuge. Das Projekt setzt auf eine Kombination aus thermoplastischem Schaumspritzgießen und Naturfaserverstärkungen, um den Materialeinsatz zu reduzieren und die Umweltbilanz zu verbessern. Interessant dabei: Viele nachhaltige Materialkonzepte überzeugen in frühen TRL-Stadien, stoßen aber in der Prozessstabilität, Reproduzierbarkeit oder Skalierung an Grenzen. Wenn – wie in diesem Projekt – ein Ansatz diese Hürde direkt mitdenkt, steigt sein Nutzwert deutlich. Ähnlich interessant ist das Unternehmen Fibryx (Halle 12 Stand E 63) mit serienfähigen Naturfaser-Verbundwerkstoffen für Nutz- und Freizeitfahrzeuge. Leichte Bauteile aus diesem Material sind nicht nur ein ökologisches Signal, sondern müssen einen Vergleich mit anderen Composite-Lösungen nicht scheuen. Hier zählt die Frage, ob Kosten, Gewicht, Verfügbarkeit und Prozessfähigkeit zusammenpassen. Nachfragen lohnt sich sicher.

Leichtbau im System bringt Nutzen und Herausforderungen zugleich

Zum Beispiel in der Intralogistik schädigen Schwingungen Transportgut und Steuerelektronik. (Quelle: Fraunhofer IFAM)

Ein zweites Themenfeld betrifft das Systemverhalten. Leichte Strukturen können auch Auswirkungen haben, die in frühen Entwicklungsphasen unterschätzt werden. Das Fraunhofer IFAM (Halle 17 Stand G41) greift diesen Punkt auf: leichte Bauteile schwingen mit größeren Amplituden als schwere Bauteile. Ungedämpft vermindern diese Schwingungen Präzision und Lebensdauer oder sorgen für hohe Schallpegel. Die entwickelten Partikeldämpfungskonzepte verhindern das. Wer Leichtbau in bewegten Systemen einsetzt, findet hier also möglicherweise einen Ansatzpunkt für die eigene Entwicklung.

FKV‑Federn sind korrosionsfrei und behalten ihre Eigenschaften selbst unter extremen Bedingungen. (Quelle: Compospring)

Hochleistungsfedern aus Faser-Kunststoff-Verbund zeigt das Unternehmen CompoSpring (Halle 11, Stand C30). Diese Federn adressieren nicht primär den Leichtbauaspekt. Ihr Nutzen liegt in Dauerhaltbarkeit, Korrosionsverhalten und Schwingungsdämpfung. Eine leichtere Feder ist für sich genommen kein Vorteil – in der Kombination aller Eigenschaften spart sie jedoch Bauraum, Transportkosten und Energie über die Lebensdauer. Richtig interessant wird sie, wenn sie Lastwechsel langdauernd beherrscht, Ausfallrisiken reduziert und die Dynamik eines Systems positiv beeinflusst.

Wie ein „mehr“ an Anpassbarkeit in der Aerodynamik aussehen könnte, zeigt hier ein Funktionsmuster von aktiven Wirbelgeneratoren. (Quelle: Compactive)

Das junge Unternehmen CompActive (Halle 16 Stand F15) setzt noch an einer anderen Stelle an. Die neuen Wirbelgeneratoren für die Luftfahrt zeigen, wie Leichtbau zusätzliche Funktion in eine bauraumkritische Struktur bringen kann. Wenn sich Aktoren mit geringer Bauhöhe direkt in eine Flügelhaut integrieren lassen, kann eine adaptive Funktion mit kleinem Zusatzgewicht in einer hoch sensiblen Oberfläche eingebracht werden. Für die Luftfahrt ist das unmittelbar interessant. Übertragbar auf andere Branchen ist die Technologie des jungen Unternehmens, wenn die Anforderung darin besteht, Funktionen zu integrieren, ohne Masse und Bauraum stark anwachsen zu lassen.

Von der Idee zum serienfähigen Leichtbauteil

Skalierbare Serienproduktion für leichte und hochfeste Bauteile – sowohl kleine als auch große Stückzahlen effizient und kostengünstig produzieren. (Quelle: CompositeEdge)

Viele Leichtbaukonzepte scheitern an ihrer technischen Umsetzung und an der Überführung in die Serie. CompositeEdge (Halle 15 Stand A14) zeigt mit automatisierter Leichtbaufertigung, wie diese Hürde leichter genommen werden kann: Additive Fertigung und automatisiertes Tape-Legen dienen dazu, Bauteile mit geringem Materialeinsatz und verkürzten Produktionszeiten in kleinen und großen Stückzahlen herzustellen.

Die robotergeführte Rührreibschweißzange „Steppwelder“ im Einsatz an einem herkömmlichen 6-Achs-Industrieroboter. (Quelle: Dominik Walz, MPA, Universität Stuttgart)

Näher an die industrielle Realisierung von hybriden Bauweisen führt das Projekt Steppwelder der MPA der Universität Stuttgart (Halle 11 Stand B49). Dort steht Rührreibschweißen für hochfeste Aluminiumlegierungen und Werkstoffkombinationen im Mittelpunkt. Das ist besonders für die Fahrzeugentwicklung relevant, weil wir zunehmenden Materialmix in den Strukturen sehen und andere Fügeverfahren an Grenzen stoßen können. Auch Leichtbau wird erst dann industriell belastbar, wenn sich unterschiedliche Werkstoffe eigenschaftsschonend und wirtschaftlich verbinden lassen.

Leichtbau ist Teil der Lösung

Besucht man die Hannover Messe 2026 mit dieser Perspektive, so ist Leichtbau weniger eine Sammlung leichter Werkstoffe oder Bauteile, sondern vielmehr eine technische Arbeitsweise, eine Grundvoraussetzung vieler aktueller Entwicklungen. Leichtbau verbindet dabei Werkstoffwahl, Strukturverhalten und Prozesskette. Die eigentlich spannenden Einsichten entstehen dort, wo Leichtbau nicht als Ziel herausgestellt, sondern als Teil industrieller Problemlösungen sichtbar wird. Wer über den Tellerrand einzelner Werkstoffwelten hinausblickt, findet in Hannover genau die Beispiele, aus denen sich neue Ideen für Entwicklung, Konstruktion und Fertigung ableiten lassen.

Bild oben: Hannover Messe Eingang Nord (Quelle: Deutsche Messe AG)


Christine Koblmiller

Autor: Christine Koblmiller, Redakteurin, Gründerin, Fachjournalistin aus Leidenschaft und überzeugter Leichtbau-Fan.

Mit dem Metamagazin Leichtbauwelt.de habe ich 2018 ein neues Medienformat im B2B-Umfeld geschaffen. Leichtbauwelt ist Inspiration für Ihren Fortschritt und Wissen, wie’s leicht wird. Leichtbauwelt verlinkt, vernetzt und ordnet ein, verlagsunabhängig und transparent. Partei ergreife ich nur für den Leichtbau, von dessen Nutzen ich überzeugt bin. Mehr über mich finden Sie unter Conkomm oder auf LinkedIn.

„Leichtbau fasziniert und begeistert. Die Entwicklung von Leichtbauwelt über die letzten Jahre zeigt, dass der Markt unser Angebot braucht und gerne annimmt.“

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