Pioniere der Leichtbauwelt – Brendan Thome: „Wirtschaftlicher Leichtbau im Tiny House ist eine Herausforderung.“

Pioniere der Leichtbauwelt – Brendan Thome: „Wirtschaftlicher Leichtbau im Tiny House ist eine Herausforderung.“

2018 macht das Startup TechTinyHouse Furore mit einem leichten Rohbaukonzept für die kleinen Häuser, das mit einem Flächengewinn von damals etwa 50 Prozent einherging. Drei Jahre später erzählt Gründer Brendan Thome im Interview, warum das Thema Leichtbau für Tiny Houses vor allem zu Beginn der Bauphase besonders wichtig ist, weshalb sich viele seiner Kunden etwas Besonderes wünschen und warum er etwa ein Viertel seiner Arbeitszeit für Recherche und Entwicklung aufwendet.

Bild oben: Brendan Thome (links) und Sina Martensen ergänzen sich als Gründerteam perfekt und sind auch privat ein Paar. (Quelle: TechTinyHouse)

Eigentlich wollten Brendan Thome und Sina Martensen nur ein eigenes Tiny House entwerfen, alles ein bisschen besser machen. Das war zu Beginn des Tiny House Booms, als es in Deutschland noch kaum einen Anbieter gab. Doch die beiden steckten so viel Herzblut in ihr Projekt, so viele technologische Ideen, dass sich das private Vorhaben sehr schnell zu etwas viel Größerem entwickelte. Bereits nach einem halben Jahr Projektzeit war beiden klar: Wir gründen TechTinyHouse!

Im Leichtbau sind branchen- und werkstoffübergreifende Impulse und neue Inspirationen für kreative, technologische Lösungen äußerst wertvoll. In der Serie „Pioniere der Leichtbauwelt“ kommen deshalb Gründer und Start-ups zu Wort. Hier haben sie die Möglichkeit, ihre Technologie, ihre Ideen und Visionen vorzustellen. Wenn sich dabei neue Partnerschaften über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg ergeben, so konnte Leichtbau(welt) einmal mehr inspirieren und eine „Win-Win“-Situation schaffen.

Leichtbauwelt: Woher kommt der Name für Euer Unternehmen?

Brendan Thome: TechTinyHouse baut Tiny Houses nach Ingenieursart – technisch ausgefeilt, bis ins Detail optimiert und mit sicherer Statik. Also Tiny Houses mit dem Fokus auf Technik.

Das Kern-Team des TechTinyHouse (v.l.): Brendan – Entwicklung, Sina – Konstruktion und Bernhard – Management (Quelle: TechTinyHouse)

Leichtbauwelt: Und was ist das Besondere an Euch als Gründerteam?

Brendan Thome: Das Unternehmen lebt von unseren Stärken, nicht nur von uns Gründern, denn unser Team ist erstklassig und steht mit vollem Einsatz hinter unseren Ideen. Im Gründerteam macht Sina eher das Feine, sie ist im Detail geschickter und gut organisiert. Ich multitaske mehr und bin mehr fürs Grobe zuständig.

Das Besondere am Unternehmen TechTinyHouse ist, dass wir noch immer etwa ein Viertel unserer gesamten Arbeitszeit in den Bereich F&E stecken. Wir sichten immer wieder neue Ideen, sprechen mit Herstellern und entwickeln auch unsere eigenen Lösungen immer weiter. Es gibt – wenn überhaupt – nicht viele Tiny-House-Hersteller, die an dieser Stelle so viel investieren.

Leichtbauwelt: Was macht ein TechTinyHouse zu einem Tiny House „nach Ingenieursart“?

Brendan Thome: Wir bauen keine Häuser, die andere bauen könnten. Unsere Ideen enstanden und entstehen durch zeitaufwändiges Filtern aller Möglichkeiten für eine Aufgabe. Als wir mit Tiny Houses angefangen haben, gab es keinen Tiny-House-Hersteller in Deutschland. Wir haben uns vo der Gründung volle drei Jahre mit unseren Ideen und Lösungen, mit Materialien und Möglichkeiten beschäftigt, haben entwickelt und das in unseren Augen Beste herausgefiltert, bevor wir unsere Lösungen auf dem Markt angeboten haben. Zu diesem Zeitpunkt war aber bereits mehr als zwei Jahre klar, dass wir als Unternehmen am Markt auftreten wollen.

Für die Ausführung unserer Häuser ist deshalb unsere Erfahrung bei der Beschäftigung mit dem Thema Tiny Houses wirklich ausschlaggebend und für unsere Kunden von großem Nutzen. Wenn ich persönlich einen individuellen Entwurf sehe, entstehen direkt Ideen zur Realisierung, weil ich schon tausende statische Modelle berechnet und ein breites Wissen zu Strukturen für die Hülle und die Verbindungstechnologien aufgebaut habe. Beispielsweise sind für uns wieder lösbare Verbindungen besonders interessant, da sie das Recycling am Ende des Lebenszyklus erleichtern.

Leichtbauwelt: Deine Augen leuchten und man merkt dir deine Begeisterung für die Sache richtig an. Wie muss man sich Eure alltägliche Arbeit vorstellen?

Dieses Tiny House besitzt ein innenliegendes Tragwerk aus Dreiecken. (Quelle: TechTinyHouse)

Brendan Thome: Wenn uns zum Beispiel eine Verbindung bestimmter Bauteile vor eine besondere Herausforderung stellt, dann tüfteln und recherchieren wir, was der Markt hergibt. Wir hinterfragen bestehende Lösungen, führen Gespräche mit den Herstellern und adaptieren so lange, bis wir nicht nur eine gangbare Lösung, sondern wirklich das Optimum gefunden haben – ganz gleich wie lange es dauert. Wir nehmen uns einfach diese Zeit. Das ist es, was uns auszeichnet. Genau so sind wir auch beim Leichtbau für Gebäudehülle und Tragwerkstechnik vorgegangen. Diese Erfahrung beim Lösen der vielen kleinen Detailaufgaben des Tinyhaus-Baus ist unser wichtigstes Kapital.

Leichtbauwelt: Auf den ersten Blick birgt Leichtbau für Häuser keinen Vorteil. Tiny Houses sind doch auch ortsfest. Warum macht Leichtbau denn hier trotzdem Sinn?

Brendan Thome: Weil wir diese Tiny Houses „on wheels“ bauen. Für den Eintritt in den Straßenverkehr und ihren Weg zum Standort dürfen die Tiny Houses nicht mehr als 3,5 t wiegen. Manche Tiny Houses werden von uns deshalb sogar ohne Innenausbau geliefert, weil sie nur so die Gewichtsgrenze einhalten können – trotz Leichtbau. Vor Ort wird der Innenausbau anschließend fertiggestellt, dabei spielt dann das Gewicht keine Rolle mehr.

Leichtbauwelt: Was genau ist an euren Tiny Häusern besonders leicht?

Ein Tiny House für eine Bausparkasse: Auffallend die großen Verbundelemente und die verglaste Fassade (Quelle: TechTinyHouse)

Brendan Thome: Unsere leichten Tiny Häuser können wir bei gleichem Gewicht mit etwa 20 bis 30 % mehr Fläche bauen. Zu verdanken ist das ist vor allem einer Fassade aus Verbundelementen, dem Rohbau. Die Elemente bestehen aus einem Dämmkern zwischen Innen- und Außendeckschicht. Mit diesem Aufbau bleibt die Stabilität im Vergleich zu „normalen“ Tiny-House-Wänden mindestens gleich, aber das Gewicht liegt nur noch bei einem Drittel. Allein für die Gebäudehülle können wir so 300 bis 500 kg einsparen. Das ist für Tiny Houses wirklich viel, denn der Rohbau – gleich wie er aufgebaut ist – wiegt in der Regel zwischen 2,5 und 3,5 t. Wenn ich also durch Leichtbau 2,7 statt 3 t im Rohbau verbaue, macht das einen großen Unterschied, weil beispielsweise dann die gesamte Küche und die Essecke oder alle Installationen noch in der Montage eingebaut werden können – und nicht erst vor Ort. Das ist wirklich viel wert.

Leichtbauwelt: Welche Werkstoffe und Materialien setzt ihr ein?

Brendan Thome: Der Dämmkern besteht aus XPS, einem extrudierten Polystyrol. Das ist auf keinen Fall gleichzusetzen mit EPS, welches man landläufig unter Styropor kennt. Bei XPS ist die Steifigkeit deutlich höher. Als Innendeckschicht verwenden wir meistens Holz. Aber selbt GFK wurde schon auf Kundenwunsch verbaut. Auf der Außenseite bestehen die Verbundelemente immer aus GFK mit kundenindividuellem Dekor.

Leichtbauwelt: Worin seht ihr den größten Nutzen eurer Lösungsansätze für die Kunden?

Brendan Thome: Auf dem Blatt haben unsere Häuser oft die besten Daten: Weniger Gewicht, mehr Fläche, nachgewiesene funktionierende Statik. Das ist aber nicht alles. Beispielsweise Nachhaltigkeit oder ökologisches Bauen ist schriftlich schwer nachzuweisen. Und letztlich ist der Geschmack natürlich ebenfalls ausschlaggebend. Doch wir passen jeden Entwurf gerne an die Wünsche der Kunden an und erweitern auf diese Weise auch unseren Erfahrungsschatz immer weiter.

Leichtbauwelt: Habt ihr seit Eurem Markteintritt 2018 die leichte Gebäudehülle noch weiter verbessert?

Brendan Thome: Nein, das ist im Wesentlichen gleichgeblieben. Wir arbeiten derzeit verstärkt an guten, leichten Lösungen für den Innenausbau, beispielsweise setzen wir mittlerweile biegbare Wellrohre in der Installation oder besondere Abflussrohre ein. In Bezug auf den Leichtbau ist aber eher der Rohbau entscheidend, dann das Gewicht des Interieurs und erst danach lassen sich die Details der Installationen auf eine weitere kleinere Gewichtseinsparung summieren.

„Das Besondere an unseren Tiny Houses ist, dass sie konstruktiven Leichtbau mit Stabilität, Steifigkeit, Haltbarkeit und Montagefreundlichkeit vereinen.“

Leichtbauwelt: Wie viele Tiny Houses baut ihr pro Jahr?

Brendan Thome: Das sind nur etwa vier oder fünf. Wir haben derzeit allerdings hautpsächlich größere Projekte. So haben wir gerade für einen großén Automobilzulieferer das wahrscheinlich größte Tiny House Deutschlands – vielleicht sogar Europas – gebaut. Es misst von Spitze zu Spitze 13,2 m. Derzeit bauen wir Tiny Houses für eine Philharmonie und eine Jugendbibliothek.

Leichtbauwelt: Sind Gebäude diesen Ausmaßes denn überhaupt noch Tiny Houses?

Brendan Thome: Alles bis zu einer Fläche von 50 m2 gilt offiziell als Tiny House. Spürbar „tiny“ wird es jedoch ab 30 m2 abwärts, da man hier Kompromisse im Innenausbau eingehen muss.

Leichtbauwelt: Sucht Ihr bewusst herausfordernde Projekte als Aufträge? Das Standard-Tiny-House können offenbar auch andere …

Dieser Anhänger besitzt punktuelle Aussteifungen für Spitzenlasten (Quelle: TechTinyHouse)

Brendan Thome: Ja, aufgrund unserer Ausrichtung auf technische Tiny Houses bauen wir keine Gebäude von der Stange. Wenn ein anderer Hersteller diesen Auftrag übernehmen kann, sind wir eigentlich schon nicht mehr der richtige Ansprechpartner. Unsere Aufträge sind eher besonders große Tiny Houses, besonders leichte Tiny Houses oder aber auch, Tiny Houses, die besondere Anforderungen an die Standfestigkeit stellen, da wir statische Berechnungen immer inhouse durchführen. Auch das macht einen Unterschied. Denn wenn Schneezonen, Windlast oder Kurvenfahrten – auch in Kombinationen – berechnet werden müssen, lassen sich nur durch die ständige Beschäftigung mit und das Hinterfragen von bisherigen Selbstverständlichkeiten für spezielle Anwendungen auch optimierte Lösungen finden.

Leichtbauwelt: Welchen Weg werdet ihr mit eurem Start-up weiter einschlagen? Plant ihr weitere Entwicklungen?

Brendan Thome: Technologisch werden wir vor allem noch an der Montagefreundlichkeit der Häuser arbeiten. Intern werden wir an der Standardisierung arbeiten und unsere eigene Organisation, sei es physisch im Lager, oder virtuell in Bezug auf die CAD-Dateien optimieren. Man sagt Ordnung sein das halbe Leben – für uns ist es momentan sicherlich mehr als das. Wenn wir das in den nächsten zwölf Monaten gut machen, bin ich sehr zufrieden.

Leichtbau ist für mich persönlich …
~… essenziell, um Abstand zu Marktbegleitern aufzubauen.

Die größte Herausforderung im Leichtbau ist, …
~… wirtschaftlich und montagefreundlich zu bleiben.

Das Interview für Leichtbauwelt ist mir wichtig, …
~… weil es eine Mühe betont, die am Markt nicht üblich ist.

Leichtbauwelt: Wo sehr ihr euer Unternehmen in fünf oder zehn Jahren?

Brendan Thome: Wir arbeiten zum Beispiel an einem Konfigurator für’s Internet. Während der Konfiguration wird sollen dem Interessenten laufend Preis, Gewicht und Lieferzeit angezeigt werden. Dadurch kann der Bestellprozess für alle Beteiligten angenehmer und reibungsloser gestaltet werden.

Leichtbauwelt: Was glaubst Du, wie wird sich die Tiny-House-Szene weiter entwickeln?

Brendan Thome: Der Markt wird sich professionalisieren, so dass sich für neue Start-ups für den Bau der Tiny Houses weniger Raum bieten wird. Die Toleranz der Kunden für notwendige Nachbesserungen wird außerdem mit der Zeit schwinden, die Grenzen zwischen Eigenbau und beauftragtem Produkt werden deutlicher werden.

Leichtbauwelt: Gab es für euch auch schon besoners spannende Projekte?

Brendan Thome: Fast jedes Projekt hat wirklich spannende Details. Wir haben schon eine Zugbrücke, eine Dachterrasse, einen zwei Meter breiten verglasten Überhang, eine 2,6 m breite und 3 m hohe Tür und viele andere Sonderwünsche realisiert..

Leichtbauwelt: An welchen Hindernissen seid ihr in den ersten Gründungsjahren gewachsen?

Brendan Thome: Hm, ja, zwischenmenschlich lernt man sehr viel. Das ist ein Bauchgefühl, aber ich glaube man lernt, im Team besser miteinander umzugehen, und, wie jemand unter Druck funktioniert.

Leichtbauwelt: Welche drei Tipps würdest Du angehenden GründerInnen geben wollen?

Brendan Thome: Ausdauer. Ausdauer. Ausdauer.

Leichtbauwelt: Siehst Du aus deiner Erfahrung ein Konkurrenz der Werkstoffklassen um das beste Leichtbaumaterial?

Brendan Thome: Ja, klar. Sandwichverbundmaterial ist für unsere Zwecke DAS Material, wenn es um technische Daten geht. Da können Holz und Stahl eigentlich einpacken.

Leichtbauwelt: Wenn Du einen Wunsch für den Leichtbau oder dein Unternehmen frei hättest, was würdest Du dir wünschen?

Brendan Thome: 48-Stunden-Tage. 😉


Kontakt zu Brendan Thome:

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