Warum aus dem Hannover Leichtbau-Gipfel ein Hügelchen wurde…

Warum aus dem Hannover Leichtbau-Gipfel ein Hügelchen wurde…

Die großen Fachmessen waren zu Präsenz-Zeiten für Teilnehmer durch die angebotene Vielfalt, durch die Möglichkeit Neues zu entdecken, Netzwerke wieder aufleben zu lassen, spontan beim Kaffee Gesprächsfäden zu spinnen oder im Séparé auf dem Messestand Abschlüsse zu tätigen äußerst attraktiv. Nun befinden sich große Events seit über einem Jahr in Pandemiepause. Ein Resümee zum 2. Lightweighting Summit der Hannover Messe und wie digitale Events mehr Nutzen bringen könnten.

Bild oben: Ein Bild aus virusfreien Zeiten, das den Netzwerkcharakter einer Präsenzmesse wunderbar zeigt. (Quelle: BITKOM, via Wikimedia Commons)

Dass die menschlichen, physischen und sozialen Begegnungsformen in den Messehallen nicht einfach auf die digitale Welt übertragbar ist, liegt auf der Hand. Der Nutzen einer digitalen Fachmesse ist für Aussteller und Teilnehmer deutlich geringer als bei einer Präsenzmesse. Das zeigen viele Umfragen unter Ausstellern und Teilnehmern zur Zukunft der Fachmessen – zum Beispiel der AUMA, dfv, Statista,…

Dennoch – auch wenn „Messe via Bildschirm“ nicht das leisten kann, was eine Präsenzmesse an Nutzwert für Aussteller und Fachbesucher mit sich bringt, so bleibt doch zumindest bei guten Veranstaltungen der eine oder andere Kontakt oder ein neuer Impuls für den eigenen beruflichen Alltag mit seinen ganz speziellen Herausforderungen.

Lightweighting Summit mit viel Verbesserungspotenzial

Mit entsprechend hohen Erwartungen meldete ich mich daher frühzeitig zum 2. Leichtbaugipfel der Hannover Messe 2021 an. Tatsächlich hatte ich an diesen Termin hohe inhaltliche Erwartungen und auch an die Plattform, die von der Deutschen Messe angeboten wurde, waren meine Ansprüche nicht gering – gemessen an der Hannover Messe im Präsenzmodus.

Leider wurde aus dem Gipfel in meinen Augen höchstens ein Hügelchen. So sehr ich sonst das Engagement des BMWi für den Leichtbau schätze, so sehr enttäuschten mich die Eingangsstatements und Keynotes von Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Leonore Gewessler, Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität in Österreich sowie Anna Hallberg, Minister for Foreign trade and Nordic Affairs aus Schweden. Die RednerInnen wiederholten in wechselnder Zusammensetzung und kausalen Reihenfolge die Zusammenhänge zwischen Klimaschutz und Leichtbau, sowie die Chance des wichtigen Beitrags, den der Leichtbau als „Game Changer“ zu einer ökologischen Ökonomie leisten könne. Und den sich die Unternehmen Europas nicht entgehen lassen dürften, um bei dieser Schlüsseltechnologie gemeinsam eine Weltmarktführerschaft einzunehmen.

Die anschließende Podiumsdiskussion war mit

wirklich hochkarätig – einer Veranstaltung der Deutschen Messe würdig – mit ausgewiesenen Fachleute besetzt. Dabei blitzte das tiefe Know-how der Panel-Teilnehmer jedoch leider nur zeitweise auf, das Fünkchen einer auflebenden Diskussion wurde meist schnell durch flache vorgegebene Fragen wieder ausgetreten. So wirkte die Panel-Diskussion trotz des hohen Engagements der Podiumsteilnehmer leider etwas steril und wenig mitreißend. Schade um die Zeit, denn ich hatte mir von dieser Veranstaltung deutlich mehr und konkretere Einblicke, Hintergründe, Daten, Fakten und Ausblicke versprochen.

Leider wollten auch die technischen Rahmenbedingungen so gar kein Wohlgefühl aufkommen lassen. Einen Vorgeschmack von den Schwächen der Plattform beschreibt mein geschätzter Kollege Hajo Stotz in einem Beitrag auf LinkedIn. Aus meinem Erleben kommt noch einiges hinzu: Eine Konferenz, die so wenig interaktiv ist, bei der Fragen der Teilnehmer nicht beantwortet werden, bei der die Streamings nicht sauber ineinander übergehen und das Video erst Tage später verfügbar ist… nein, diese Veranstaltung hat in meinen Augen ihr Ziel verfehlt und eine wunderbare Gelegenheit vertan, noch mehr Menschen für den Leichtbau zu begeistern.

Selbst jenseits des Leichtbaugipfels – beim Matchmaking – unterliefen dem bei Präsenzveranstaltungen so erfahrenen und professionellen Veranstalter Deutsche Messe leider Fehler, die man mit einem Durchdenken aus Sicht der Teilnehmer hätte vermeiden können. So wurden Matchmaking-Treffen auf der Messe-Plattform rigoros nach der angesetzten Zeit abgebrochen, die digitale Verbindung gekappt. Das wäre, auf eine Präsenzmesse übersetzt, als würde der Ordner dem netzwerkenden Teilnehmer Tisch und Stuhl wegräumen und den Gesprächspartner vor die Tür setzen. Bei einer realen Veranstaltung undenkbar – warum aber dann bei digitalen Plattformen?

9 Impulse für ein gelungenes digitales (Leichtbau-)Event

Liebe Veranstalter künftiger Events für den Leichtbau: bitte macht Euch Gedanken, wie die Lightcon, die Aluminium oder das JEC Forum DACH als Fach- und Kongressmessen für den Leichtbau im Sinne der Teilnehmer auch unter Pandemiebedingungen nutzbringend, digital oder als hybride Veranstaltungen ablaufen könnten. Die folgenden Bitten oder Tipps sind aus eigenem Erleben unterschiedlicher digitaler Veranstaltungen in den letzten Monaten entstanden – die Liste ist sicherlich noch erweiterbar. Ich freue mich auf Feedback und Diskussion!

  1. Die Zeit der TeilnehmerInnen ist wertvoll: Was nützt ihnen im betrieblichen Alltag – nur das sollte Inhalt der Vorträge sein.
  2. Lasst bei den Vorträgen Fragen zu, die von der Moderation an ReferentenInnen weitergegeben – und beantwortet werden.
  3. Baut interaktive Elemente ein: Umfragen, Schlagwörterwolken, virtuelle Boards
  4. Stellt eine Videoaufzeichnung der Vorträge sofort und eine Zusammenfassung der Präsentationen und interaktiven Elemente zeitnah zur Verfügung.
  5. Ermöglicht das spontane Netzwerken der Teilnehmer untereinander – ohne Zeitbegrenzung.
  6. Macht für die Teilnehmer sichtbar, wer dem Vortrag gerade lauscht. Das schafft Anknüpfungspunkte für spätere Gespräche an virtuellen Kaffeetischen.
  7. Nutzt Breakout-Rooms – dafür gibt es verschiedene Konzepte.
  8. Stellt den Ausstellern bei Bedarf Fachleute (Fachredakteure, Fachtexter) zur Seite, die die Inhalte virtuellen Stände auf Zielgruppenrelevanz hin texten und aufbereiten.
  9. Datensparsamkeit  – dennoch: Name und Unternehmenszugehörigkeit sind meines Erachtens Basics. Schließlich steht das auch auf meiner Visitenkarte – und noch viel mehr.

Weitere Tipps für Veranstalter und Aussteller finden sich zum Beispiel bei MICEstens Digital, einem Blog von Katrin Taepke

Anstehende Events: Lightcon, Aluminium und JEC Forum DACH

Nachdem die Composites (for) Europe nicht mehr stattfinden wird, haben JEC Group und AVK, der Verband der verstärkten Kunststoffe in Deutschland, mit dem JEC Forum DACH eine jährliche Veranstaltung für die D-A-CH-Region aus der Taufe gehoben, die der Composites Wertschöpfungskette und den Anwendungsbereichen für diesen Werkstoff gewidmet ist. Die erste Ausgabe ist vom 23. bis 24. November 2021 im Forum der Messe Frankfurt geplant. Die Veranstaltung wird jedes Jahr an einem anderen Standort stattfinden, um die Dynamik und Vielfältigkeit der Verbundwerkstoffindustrie in den verschiedenen Ländern der D-A-CH Region hervorzuheben. Meiner Ansicht nach ist das auf den ersten Blick ein zukunftsfähiges Konzept, das auf Regionalität, kurze Anreisewege und eine digitale Ergänzung setzt. Der Praxistest im November wird zeigen, ob die Versprechen gehalten werden können.

Die Aluminium 2021 wurde von Mai in den Herbst verschoben: Sie soll jetzt vom 28. bis 30. September in Düsseldorf stattfinden. Die Lightcon als branchen- und werkstoffübergreifende Messe für den Leichtbau wurde ebenfalls in den Herbst verschoben – hier soll die erste Ausgabe nun am 06. und 07. Oktober in Hannover möglichst viele Teilnehmer anlocken. Beide Veranstaltungen sind derzeit als Präsenzveranstaltungen evtl. als hybride Veranstaltungen geplant. Leider ist auf beiden Webseiten weder eine Ausstellerliste noch ein Konferenzprogramm zu finden. Das zeigt einmal mehr die schwierige – und wenig beneidenswerte Situation der Messeveranstalter, die hier pandemiebedingt hohe Risiken fahren, mit großen Unsicherheiten konfrontiert sind und hohe Verluste in Kauf nehmen müssen.

Ich wünsche uns allen, den Veranstaltern und TeilnehmerInnen für die nächsten Monate eine steile Lern- und flache Infektionskurve – damit wir baldmöglichst wieder den großen Nutzen von Präsenzmessen erleben können oder aber von perfekt organisierten hybriden Messen mit einem angenehmen und inhaltlich hochwertigen Nutzererlebnis profitieren können.


Christine Koblmiller

Autor: Christine Koblmiller, Redakteurin, Gründerin, Fachjournalistin aus Leidenschaft, überzeugter Leichtbau-Fan.

Mit dem Metamagazin Leichtbauwelt.de habe ich 2018 den Schritt in die Selbständigkeit gewagt und mit Leichtbauwelt ein neues Medienformat im B2B-Umfeld geschaffen. Seit etwa 25 Jahren bin ich Redakteurin für technische B2B-Fachzeitschriften. Für verschiedene führende Fachmagazine habe ich als eBusiness-Projektmanager Industrie schon 2001 crossmediale Angebote eingeführt, denn die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat Einfluss auf unser Informationsverhalten. Deshalb bin ich mir sicher, dass sich die Medienbranche wandeln muss. Mehr über mich finden Sie unter Conkomm, auf Xing oder LinkedIn.

„Leichtbau fasziniert und begeistert Techniker. Er ist für die Herausforderungen der Zukunft unabdingbar. Deshalb bin ich sicher, dass der Markt für ein Angebot wie Leichtbauwelt.de reif ist.“

 

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