Der Saal des 7. Lightweighting Summit unter dem Motto „Vorsprung durch Effizienz“ war mit 150 Teilnehmenden gut gefüllt – zusätzliche rund 2.700 Teilnehmende verfolgten gar das Event am 21.04. April beim Live-Streaming. Das ungewöhnlich hohe Interesse spiegelt die wachsende strategische Bedeutung des Themas wider: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bezeichnete den Leichtbau als systemischen Hebel für Vorsprung und Wettbewerbsfähigkeit.

In ihrer Begrüßungsansprache verwies Bundesministerin Katherina Reiche auf die bekannten Hemmnisse für die Industrie hierzulande: hohe Kosten, konjunkturelle Dämpfer durch geopolitische Spannungen und Kriege, fragile Lieferketten. Hier könne der Leichtbau entlastend und konjunkturfördernd wirken. Konkret nannte sie beispielhaft zwei wichtige Dimensionen: die Rohstoff- und die Energieeffizienz. Sie betonte auf der einen Seite die hohe wirtschaftliche Bedeutung des Leichtbaus: „Im Leichtbau arbeiten mehr Menschen als in Hamburg und Hannover zusammen“, machte aber gleichzeitig keine Hoffnung auf eine Neuauflage des erfolgreichen spezifischen TTP-LB Förderprogramms, denn der Leichtbau sei implizierter Teil vieler anderer Förderprogramme.

Auch Dr. Jochen Köckler, CEO der Deutschen Messe AG, hatte in seiner Begrüßung zuvor bereits auf den hohen Kostendruck und die geopolitische Situation verwiesen, aber auch betont, dass die Hannover Messe als weltweit größtes Forum für Industrie Jahr für Jahr zeige, wieviel Innovation und Wettbewerbsfähigkeit auch unter schwierigen Bedingungen möglich sei.
Bild oben: Ein Summit, der den Bogen schlug vom industriepolitischen Anspruch bis hin zu technischen Details von Leichtbauprojekten. (Quelle: bundesfoto/Bernd Lammel | Collage Leichtbauwelt)

In der ersten Keynote nahm Dr. Markus Steilemann, Vorstandsvorsitzender der Covestro AG und Präsident des Verbands der Chemischen Industrie VCI e.V., diesen Faden auf. Leichtbau sei, so betonte er in diesen turbulenten und unsicheren Zeiten eine Schlüsseltechnologie, denn die Wirtschaft müsse sich neu finden. „Leichtbau ist nicht nur effizient“, betonte er. Auch für die Resilienz unter neuen globalen Bedingungen könne der Leichtbau eine zentrale Rolle spielen. Dies bezog er vor allem auf die Materialwissenschaften, da hierbei KI, Quantencomputing und der Leichtbau sich ergänzende Verbündete seien. Er bedankte sich zudem bei der Bundeswirtschaftsministerin Reiche für ihr Wirken, das die Rahmenbedingungen für die Industrie verbessere: „Wichtig ist, dass wir gemeinsam wirken.“ Denn nur so bleibe Deutschland, bleibe Europa nicht nur Industriestandort, sondern werde wieder zu einem Industriemagneten.
Sollten Sie den Summit verpasst haben, so sind die Videos dazu auf den Seiten der Hannover Messe noch einige Zeit hier abrufbar.
Die anschließend vorgestellten Forschungsprojekte aus dem ausgelaufenen TTP-LB machten deutlich klar, dass Leichtbau mehr umfasst als das Reduzieren von Gewicht. Er ist Innovationstreiber und Ressourcenheld zugleich: Prof. Dr.-Ing. habil. Maik Gude von der TU Dresden stellte mit dem Projekt „Meteor – Technologien zur Optimierung der Ressourceneffizienz von Prozessnetzwerken bei der Herstellung hybrider Metall-Kunststoff-Leichtbaustrukturen“ vor. Dazu wurden die Gießprozesse (Metall- und Spritzgießen), die Prozessdatenerfassung, intelligente Maschinensteuerung sowie Pufferspeicher und Solarthermie in einem energieoptimierten Prozessnetzwerk zusammengeführt. Im Ergebnis konnte unter anderem der Ausschuss von 30 auf fünf Prozent reduziert, 30 Prozent Energie bei der Schmelzezuführung eingespart und die Produktivität um maximal 80 Prozent gesteigert werden.
Im Pitch zum Projekt „Atrea“ stellte Manuel Rutjes, Wieland eTraction Systems einen Zero-Porosity-Rotor aus Kupferdruckguss mit 3D-gedrucktem Metalleinsatz für Hochgeschwindigkeits-Induktionsmotoren vor. Ziel des Projekts war es, eine porenfreie und vollständig gefüllte Kupfergussstruktur mit hoher elektrischer Leitfähigkeit und thermischer Stabilität zu realisieren. Im Ergebnis lassen sich mit gleichem Design bis zu 20 Prozent höhere Drehzahlen erreichen, während zugleich Motorgröße und Gewicht reduziert werden können und das Bauteil auch im Betrieb bei 200 °C formstabil bleibt.
Johannes Rösler, CeramInno erläuterte in seinem Kurzvortrag das Projekt „KeraSchaum“ zu keramischen Schaumstoffmaterialien. Diese leichten keramischen Verschleißschutzmaterialien wurden für eine thermisch und chemisch anspruchsvolle Anwendung entwickelt. Im Ergebnis stehen verbesserte Bauteilfunktionalitäten und ressourceneffiziente Produktionsprozesse: individualisierte keramische Schaumformteile und modulare Schaumplatten. Diese werden durch Extrusion hergestellt, wobei sich Geometrie, Porosität und daraus resultierende Bauteileigenschaften gezielt anpassen lassen. Die wirtschaftlich herstellbaren keramischen Leichtbau-Verschleißschutzplatten tragen beim Kalzinieren korrosiver Materialien zur Steigerung der Ressourceneffizienz bei.

Wegweisende strategische Gedanken formulierte Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein, Präsident des VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. Er zeigte sich überzeugt, dass Deutschland nach wie vor das Powerhouse technologischer Entwicklung sei und nannte als Beispiel für ein künftiges strategisches Feld die humanoiden Roboter. Als Helfer sowohl für den Menschen als auch für industrielle Aufgaben könnten sie zum Massenprodukt werden. Ihre embodied Intelligence werde zunehmend von KI bestimmt, aber der Physical Layer sei ein hochinnovatives Entwicklungsfeld für den Leichtbau. Außerdem warb er um Beteiligung an den Fachgremien der vom VDI am Vortag offiziell gegründeten Initiative Zukunft Deutschland 2050, deren Zielbild ein Deutschland als Innovationsmotor, ein souveränes Europa und eine nachhaltige Welt sei.
Lebhafte Paneldiskussion „Leichtbau als Multitool für grüne Effizienz und neue Resilienz?“
Im anschließenden Panel wurde die Frage diskutiert, inwiefern der „Leichtbau als Multitool für grüne Effizienz und neue Resilienz dienen könne. Zunächst konzentrierte sich das Gespräch der Panelisten darauf, inwiefern Leichtbau zur Lebensdauerverlängerungen und damit zu einer verbesserten Nachhaltigkeit von Werkstoffen und Bauteilen beitragen könne. Hier reichte die Bandbreite der Themen von der Eignung für Kreislaufwirtschaft über wettbewerbsfähige Kosten der Recyclingmaterialien bis hin zu regionalen Prozess- oder Industrieclustern, um die Transportkosten möglichst gering zu halten. Prof. Bernd Mayer, Fraunhofer IFAM, brachte zusätzlich den Aspekt des Second Life von Bauteilen ein, der ebenfalls die Nutzungsdauer von Materialien deutlich verlängern könne.

Zum Thema Standards und Regularien waren die Einschätzungen der Teilnehmenden weit gefächert: Zum einen wurde eine international angeglichene Regelung gefordert, um Unwuchten aus dem Wettbewerb zu nehmen, zum anderen helfe aber auch Überregulierung nicht, wenn sie Wettbewerb gefährde. Jens Boelke, Owens Corning, verdichtete die Diskussion auf „Eine neue, zwei weg – wäre ein schöner Ansatz.“

Anschließend verlagerte sich der Schwerpunkt des Gesprächs auf das Thema Resilienz. Die Teilnehmenden versuchten Antworten zu finden auf die Frage, ob der Umgang mit kritischen Rohstoffen den Leichtbau verändert. Und inwiefern Resilienz nicht nur eine Frage von Lieferketten und skalierbaren Fertigungsprozessen, sondern auch eine Frage der Innovationskultur sei. Dr. Anna Schwarz, CompoSpring, führte dazu aus, dass es gerade für junge Unternehmen eminent wichtig sei, ab einem bestimmten Punkt auf die Innovations- und Risikofreude mittlerer und großer Unternehmen zählen zu können, denn „90% aller Neuentwicklungen scheitern an dieser Hürde.“ Und gerade hier habe sich die Situation in den letzten Jahren bedauerlicherweise nicht verbessert – eher im Gegenteil. Um mehr Resilienz zu erreichen, sei die Simulation von Werkstoffen und Fertigungsprozessen immer wichtiger, denn sie erlaube eine schnellere Time-to-market. Diese Multiskalenfunktion könne das Quantencomputing nochmals beschleunigen, hob Prof. Lutz Eckstein, VDI, hervor.
Die Paneldiskussion schloss mit der Frage, welcher wichtigste Hebel bis 2027 bewegt werden müsse. Trotz unterschiedlicher Perspektiven bestand weitgehend Einigkeit darin, dass das größte Problem die zu langsame Umsetzung sei. Mehr industrielle Risikobereitschaft, schnellere Transferpfade, innovationsfreundlichere Regulierung und bessere Bedingungen für Skalierung und Markteintritt wurden als zentrale Stellschrauben benannt. Der Leichtbau, so der Tenor, ist technologisch längst weiter, als es seine industrielle Breitenwirkung bislang vermuten lässt.
Leichtbau „goes global“ – Partnernetzwerke inklusive
Die internationalen Grußworte von Dr. Chongsoo Park, Chairman Korea Carbon and Nano Industry Association KCANIA, von Ninni Löwgren Tischer, Bereichsleitung der Deutsch-schwedischen Handelskammer (AHK Schweden) und Dr. Andrzej Czulak, Präsident des polnischen Cluster für Verbundwerkstofftechnologie hatten einen gemeinsamen Tenor: Leichtbau ist eine globale, keine nationale Herausforderung. Nur die mutige und vertrauensvolle, länderübergreifende Zusammenarbeit im Leichtbau kann Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit entscheidend voranbringen. Wenn das gelingt ist Leichtbau nahezu ein Garant für Wirtschaftlichkeit und Wachstum.
Leichtbau sei nicht nur Effizienzhebel, sondern auch Innovationstreiber hob der niedersächsische Minister für Wirtschaft, Verkehr und Bauen Grant Hendrik Tonne in seinem Schlusswort hervor. Dafür seien die richtigen, förderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und deshalb bedauere er, dass das TTP-LB nicht wieder aufgelegt werde.
Was bleibt? Leichtbau leistet mehr.
Der 7. Lightweighting Summit hat deutlich gemacht: Leichtbau muss heute mehr leisten als nur Gewicht zu reduzieren. Er soll Effizienz ermöglichen, Resilienz stärken, Ressourcen schonen, Innovationen beschleunigen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit absichern. All das kann er leisten – und exakt darin liegt seine strategische Kraft. Die vorgestellten Projekte, die Keynotes und die Paneldiskussion zeigten eindrucksvoll, dass der Leichtbau diese Spannweite technisch bereits abbilden kann.
Damit dieses Potenzial in der Breite wirksam werden kann, braucht es mutige Investitionen, verlässliche Rahmenbedingungen und weniger bürokratische Hürden. Denn entscheidend wird sein, dieses Potenzial schneller, mutiger und breiter in industrielle Anwendungen zu überführen. Leichtbau ist eine Zukunftskompetenz, an der sich entscheiden wird, wie innovativ, resilient und wettbewerbsfähig die Industriestandorte Deutschland und Europa morgen sein werden.
Anmerkung: Zusammen mit Claus-Peter Köth (Chefredakteur der Automobil Industrie) habe ich den 7. Lightweighting Summit moderiert. Das BMWE hat uns keine Vorgaben zu den Themen oder den Inhalten der Moderation gemacht. Der vorliegende Nachbericht wäre exakt genauso ausgefallen, wenn ich nicht einen Teil der Veranstaltung moderiert hätte.

Autor: Christine Koblmiller, Redakteurin, Gründerin, Fachjournalistin aus Leidenschaft und überzeugter Leichtbau-Fan.
Mit dem Metamagazin Leichtbauwelt.de habe ich 2018 ein neues Medienformat im B2B-Umfeld geschaffen. Leichtbauwelt ist Inspiration für Ihren Fortschritt und Wissen, wie’s leicht wird. Leichtbauwelt verlinkt, vernetzt und ordnet ein, verlagsunabhängig und transparent. Partei ergreife ich nur für den Leichtbau, von dessen Nutzen ich überzeugt bin.
Seit etwa 25 Jahren bin ich Redakteurin für technische B2B-Fachzeitschriften. Für verschiedene führende Fachmagazine habe ich als eBusiness-Projektmanager Industrie schon 2001 crossmediale Angebote eingeführt, denn die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat Einfluss auf unser Informationsverhalten. Deshalb bin ich mir sicher, dass sich die Medienbranche wandeln muss. Mehr über mich finden Sie unter Conkomm, auf Xing oder LinkedIn.
„Leichtbau fasziniert und begeistert. Die Entwicklung von Leichtbauwelt über die letzten Jahre zeigt, dass der Markt unser Angebot braucht und gerne annimmt.“




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